Nachmittags gehe ich oft mit unserer Tochter im Kinderwagen in den Wald. Eines Tages lag am Waldeingang ein weißer Kinderschuh, wie ein kleiner Croc. Das weiße Plastik leuchtete auf dem Waldboden, die geschwungene, bogenartige Struktur des Schuhs hob sich von seiner Umgebung ab. Irgendwie hat der Schuh mich begeistert – eigentlich nicht der Schuh selbst, sondern seine Anwesenheit. Das Bild, in dem er ein Teil war, sprach zu mir. Wenn ich fotografiere, habe ich im besten Fall ein ähnliches Gefühl. Aus all dem, was ich sehe und wahrnehme, filtert sich ein Motiv. „Da ist ein Bild, nimm das mit!“
Am nächsten Tag lag der Schuh nicht mehr auf dem Boden, jemand hatte ihn ordentlich auf einen Baumstumpf am Waldeingang gelegt. Tags darauf lag er wiederum achtlos auf der anderen Seite des Weges. Dann stand er auf dem Stromtransformator links am Waldeingang. Dann lag er ein paar Meter vom Eingang entfernt, und zuletzt stand er wieder ordentlich auf dem Baumstumpf.
Der Schuh blieb lange am Waldeingang. Ein Fremdkörper, der seinen Platz nicht fand, der den Gesetzen des Waldes nicht entsprach und doch eine Rolle darin spielte. Auf irgendeine Weise hat der kleine Schuh die Waldwelt infrage gestellt: Was gehört dazu, wer gehört hierhin?
As I lay down by the lake
It’s my mirror now
No one can pretend that I do not belong here
(„Animals will come“, Sophia Kennedy)
Im Bild des Waldschuhs verhandelte sich für mich das Verhältnis von Natur und Kultur. Das fand ich toll, und es ließ mich an Fotografien denken, die ich in Berlin und Hamburg gemacht habe. Bilder, bei denen ich fotografisch darauf eingehe, was meine Umgebung mir zur Verfügung stellt. Fotografien von Fenstern, Spiegelungen, Staffelungen und städtischer Vegetation. Bilder, die zu mir kamen, ohne dass ich losgezogen bin, um sie zu suchen.
Ich freue mich sehr, gemeinsam mit Anna auszustellen. Denn auch sie fühlt sich zu Orten hingezogen, an denen Gewachsenes und Gestaltetes aufeinandertreffen. Landschaftliche Fragmente, organische Strukturen, Wasseroberflächen und Spiegelungen finden sich in ihren aktuellen Zeichnungen und Malereien. Ihre Arbeiten basieren oft auf konkreten Naturorten oder landschaftlichen Situationen, lösen sich aber im Prozess von ihrem Ausgangspunkt und erweitern sich um Erinnerungen und Versatzstücke ihres eigenen inneren Bildrepertoires. Die Natur liefert ihr das Material, die grafischen Erfindungen, Strukturen, Rhythmen, Kontraste und Konstellationen aus denen sie ihre Bilder entwickelt.
As I stumble inside
The branches of the forest are coming alive
(„Forest“, Ibadet Ramadani)
Timo Hinze, Oktober 2026