die Stimme
Vor längerer Zeit fand ich im Keller meiner Eltern eine braune Pappbox. Auf dem Deckel stand „Stimme der Frau“ in der Handschrift meiner Mutter. Darin lag ein Stapel der gleichnamigen Magazinreihe aus den Jahren 1955 und 1956. Ich stellte mir vor, dass die Magazine meiner Großmutter gehört hatten und von meiner Mutter aufbewahrt worden waren – so wie man es mit manchen Dingen tut, ohne genau zu wissen warum. Das Gewicht dieser Box in meinen Händen fühlte sich gut an und mir gefiel, was das Wort Stimme in mir auslöste.
Die Magazine als Material
Artikel über Kindererziehung, Ehe und Haushalt, Einrichtung,
Mode und Handarbeit, Gesundheit und Sport;
Werbetexte;
romantische Fortsetzungsgeschichten, Horoskope;
Kleinanzeigen und Leserinnenbriefe
Viele Texte lasen sich auf eine erschreckende Art so, wie man es für diese Zeit erwarten würde, andere wiederum waren überraschend modern und weitsichtig. Ich fragte mich beim Lesen, wie diese Worte meine Großmutter geprägt hatten und auf welchen Umwegen sie auch mich erreicht hatten.
Die innere Stimme entsteht aus der Sprache der anderen.
Die äußeren Worte verdichten sich zu einer inneren Stimme.
Ein Anteil wird der innere Kritiker genannt.
Aus diesen Beobachtungen heraus begann ich, das Material zu bearbeiten. Ich formte einen Monolog aus der inneren Stimme, löste Wörter und Satzfragmente heraus, ohne genau zu wissen, wonach ich suchte, und ließ ihre Reihenfolge unverändert. Ich fügte nichts hinzu.
Bei manchen Ausgaben gelang es mir nicht, Texte zu entwickeln, und ich wandte mich stattdessen den Bildern zu. Ich durchleuchtete die Magazinseiten in der Dunkelkammer und verdichtete Vorder- und Rückseite zu einem Bild.
Anna Vovan, 2026