Galerie b2

Karoline Schneider asimilacija [Assimilation] 2026 Keramik, glasiert 29 x 37 x 33 cm
Karoline Schneider asimilacija [Assimilation] 2026 Keramik, glasiert 29 x 37 x 33 cm
Karoline Schneider asimilacija [Assimilation] 2026 Keramik, glasiert 29 x 37 x 33 cm
Bea Meyer, JETZT BIN ICHS WIEDER NICHT MEHR, 2026, 40 Fotodrucke auf Papiervlies, geprägt, Je 28,9 x 20 cm, Auflage 50 + 2 AP
Bea Meyer, JETZT BIN ICHS WIEDER NICHT MEHR., 2026, 102 x 82 cm Buntstift auf Fotodruck, Unikat

Bea Meyer

Unentwegt. Ein Wort, das sich dem Verstand unentwegt entzieht. Er versucht, es festzuhalten, für einen Moment gelingt es ihm, schon bewegt es sich weiter. Zeit flackert in ihm auf, auch Räumliches. Es spricht von einer, die beständig ihren Weg verfolgt. Sie tut es seit langem. Also überrascht es auch nicht, dass
gerade Bea Meyer die Mittel gefunden hat, um dieses flüchtige Wort samt seiner Widersprüche einzufangen: Schwer heftet sich die mit Stickgarn umwickelte Kordel an die luftige Siebdruckgaze. Leicht sitzt der leuchtende Schriftzug auf dem festen Gewebe.

Unentwegt ist ein verkleidetes Januswort, eine entschiedene Behauptung, die immer auch ihr Gegenteil in sich trägt. Als Verneinung des schweizerischen entwegen, „vom Fleck bewegen“, verkündet es ein Festhalten an einem Ort und doch eilt es noch im selben Augenblick fort. Es ist Ruhe und Rastlosigkeit, beruhigt und wühlt auf. Der für die Dualität der Dinge sensible Blick ist charakteristisch für Bea Meyers Arbeit, neu ist der farbliche Ausdruck: In einem kräftigen, satten Pink fließt die Handschrift der Künstlerin über den weißen Hintergrund. Eine Farbe, die zum Hinschauen auffordert. Das Auge folgt dem Auf- und Ab der geschwungenen Buchstaben, bis er über die hellrosa Büschel stolpert, die wie Knospen aus dem Geäst der Schrift sprießen. Sie brechen aus der festen Form aus, erinnern daran, dass es unter jeder noch so glatten Oberfläche sehr lebendig zugehen kann. Die Büschel streben ins Freie, wollen die Fassung verlieren.

Auf der Suche nach Fassung sind die fünf Häkelarbeiten. Diese fragilen Gefüge visualisieren etwas, das auch für den Entstehungsprozess von Bea Meyers bisherigen Arbeiten substanziell war: Durchlässigkeit. Sie erlaubt es, mit der Welt in eine unmittelbare Verbindung zu treten, sie möglichst unvoreingenommen aufzunehmen, zugleich ist es die Durchlässigkeit, die nach einem Rahmen verlangt, der Halt gibt und dafür sorgt, dass der Mensch nicht vom Strom der Veränderungen ebendieser Welt fortgespült wird.

„Aufwachen, ohne zu wissen, wer man eigentlich ist und mit welchen Plänen man am Vorabend zu Bett gegangen“, schreibt Dorothee Elmiger in Aus der Zuckerfabrik. Die Bilder der Reihe JETZT BIN ICHS WIEDER NICHT MEHR. sind wie ein unentwegtes Aufwachen. Zum ersten Mal ist dieser Satz in Bea Meyers Werk 2007 erschienen, auf einem großen, auf dem Boden liegenden Spiegel und in einem kleinen aufklappbaren Handspiegel. Damals klang er wie eine erstaunte Beobachtung. Neun Jahre später wurde er zu einer Projektion auf die Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig. Hier kam ein Punkt dazu, das Erstaunen wurde zur Akzeptanz. Und nun steht der Satz vielfach auf einem aus einzelnen Bildern bestehender Block, die Grundfarbe auch hier Pink.

Fuchsia. In der Pflanze Fuchsia regia sind die beiden Komponenten der Farbe klar getrennt: die Kelchblätter sind leuchtend rot, die Kronblätter violett. In Bea Meyers Bildern lösen sie sich ineinander auf, vereinen den Anfang und das Ende des Farbspektrums und enthüllen so die Verbindung der Farbe zu Janus, dem Gott des Anfangs und des Endes. Und der Türen, der Übergänge. In Konturschrift gesetzt wird der Punkt am Ende des Satzes zur einer weit geöffneten Tür.

Timea Tankó, August 2026

Bea Meyer, unentwegt #1–4, 2026, Plattstich um Kordel auf Siebdruckgage, 4 teilig, Je 75 x 226 cm
Karoline Schneider, Post it:čorna kokošk [schwarzes Huhn], 2026, Keramik, glasiert, 26,5 x 18,5 x 4 cm

Karoline Schneider

Infrastrukturen [lat.: infera – unterhalb / systema – zusammenfügen] werden oft als Fundament gesehen. Als etwas, das da ist. Doch Infrastrukturen werden geformt. Sie pumpen, leiten, verstopfen, tropfen. Sie existieren nur, solange sie gepflegt werden.
Ich betrachte Traditionen als Infrastrukturen. Rohrsysteme, die Bedeutung transportieren. Sie verbinden Vergangenheiten, mit Gegenwarten und zeigen Erwartungen für zukünftiges. Rohre sind nicht statisch. Sie brauchen Wartung. Sie brauchen dynamischen Fluss. Wenn der Fluss stoppt, rosten sie von innen. Wenn sie zu starr werden, platzen sie. Diese Systeme wurden nicht unbedingt bewusst geplant. Viele sind über Jahrzehnte gewachsen – aus Regeln, Moralvorstellungen, Bräuchen, Beziehungen. Sie halten ein Gefüge zusammen, oft unbemerkt, bis etwas versagt. Erst dann erkennen wir die Strukturen.

In der Nieder- und mittleren Lausitz kollidieren unsichtbare und sichtbare Rohrsysteme. Auf der einen Seite: Sorbische Traditionen. Sprachsysteme, Kleiderordnungen, Rituale, die wie feine Kapillaren durch Dörfer laufen. Auf der anderen Seite: Die Kohletagebaue. Massive, industrielle Systeme, die die Erde aufreißen, um Energie zu extrahieren. Diese Infrastruktur frisst andere Infrastrukturen. Sie unterbricht Flüsse. Sie sprengt Kontinuität. Die traditionellen Systeme brechen jedoch nicht einfach zusammen, sie adaptieren.
Am Rand der Tagebaurestlöcher wachsen Birken. Pionierpflanzen auf kulturellen Brachen. In meiner Arbeit werden sie zu neuen Rohren. Sie wachsen durch die Zerstörung hindurch. Sie beinhalten die Erfahrung des Verschwindens und den Neuanfang in ihrem Holz. Sie zeigen, wie sorbische/wendische Identitäten heute weiterwachsen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit. Manchmal innerlich gefliest, assimiliert über Jahrhunderte. Manchmal angezapft.

Wie bei allen anderen auch verschränken sich Täter*in und Opfer in jeder sorbisch/wendischen Person. Im Tagebau, beim Abbaggern des eigenen Dorfes vermischen sich hier, wie es Daisy Hildyard beschreibt, first und second Body:

Jedes Lebewesen hat heutzutage zwei Körper – du fliegst gerade in die Atmosphäre hinauf und wieder zurück auf den Boden, aber du spürst es nicht. Du atmest etwas ein, und was du ausatmest, ist etwas anderes. Dein erster Körper ist der Ort, an dem du alltäglich lebst, bestehend aus deiner eigenen Haut. Dein zweiter Körper ist ein Körper, der nicht fest ist wie der andere, dafür aber viel größer. Dieser zweite Körper ist deine eigene tatsächliche und physische biologische Existenz – er ist eine Version von dir. Er ist kein Konzept, er ist dein eigener Körper. Die Sprache, über die wir derzeit verfügen, ist begrenzt: Wir sprechen vielleicht vage von globalen Verbindungen, von der Emission und Zirkulation von Gasen, von Auswirkungen. Und dabei dringen auf einer mikroskopischen oder nicht greifbaren Ebene Körper ineinander ein. Das Konzept des globalen Impacts ist für uns nicht greifbar, und gleichzeitig hat dein Körper die Entfernungen bereits hinter sich gebracht.
(frei übersetzt, Hildyard 2017)

Die Auswirkungen unseres Alltags werden in (westlichen) Realitäten selten direkt sichtbar oder spürbar. Der Tagebau ist ein rarer Ort an dem sich das alltägliche Leben (first) und die globale Realität (second Body) überlagern. Am Rand stehen Birken und Kiefern.
Die Birken sind geschmückt mit Trachtenbändern aus der Mittellausitz – Reste, das was noch greifbar da ist, Wiederständiges. Diese Bänder sind keine Relikte. Sie sind Anschlüsse (Flansche) zu dem, was geblieben ist.

 

Karolina Krawcec / Karoline Schneider, 2026

Karoine Schneider, načisła [angezapft], 2026, 2-teilig, Keramik, glasiert, Porzellan, glasiert, 32 x 30 x 20 cm
Karolin Schneider, identita [Identität], 2026, Keramik, glasiert, 15 x 24 x 19 cm
Karoline Schneider, pusta [Brache], 2026, Keramik, glasiert, 28 x 30 x 19 cm
Karoline Schneider, kwěrne słowa [queere Wörter gesammelt von Rahel Selnack], 2026, 14-teilig, Porzellan, Porzellanmalerei, 0,2 x 9,45 x 7,2 cm
Bea Meyer, H #1-5, 2026, Leinengarn, gehäkelt, Metallrahmen 68 x 38 cm
Karoline Schneider, pusta [Brache], 2026, Keramik, glasiert, 29 x 16 x 12 cm
Bea Meyer, H #1, 2026, Leinengarn, gehäkelt, Metallrahmen, 68 x 38 cm
Bea Meyer, H #2, 2026, Baumwollgarn, gehäkelt, Metallrahmen, 68 x 46 cm
Bea Meyer, H #3, 2026, Leinengarn, gehäkelt, Metallrahmen, 92 x 50 cm
Bea Meyer, H #4, 2026, Leinengarn, gehäkelt, Metallrahmen, 68 x 46 cm
Bea Meyer, H #5, 2026, Leinengarn, gehäkelt, Metallrahmen, 83 x 50 cm
Karoline Schneider,nahłownik [katolska drasta], 2026 Keramik, glasiert, 14 x 30 x 18 cm
Karoline Schneider, symjenja [Samen], 2025, Keramik, Samen, Buch, 29 x 25 cm
Karoline Schneider, čěpcyki [Schleifen], 2025, 2-teilig, Keramik, glasiert, 18 x 14 cm, 10 x 8 cm
Karoline Schneider, taler: krošik [Teller: Groschen], 2026, Keramik, glasiert, Unterglasurmalerei, 4 x 26 x 26 cm
Karoline Schneider, pucherje [Bubbles], 2026, Digitaldruck auf Vliestapete, 146 x 80 cm, Auflage 3+3 AP
Karoline Schneider, Post it: Wuź [Ringelnatter], 2026, Keramik, glasiert, 24 x 19,5 x 1 cm